Fabian in Bombay

Meine Erlebnisse in Indien

Chowpatty Beach

26.12.-29.12.2003 Bombay

Zum Jahresende hatte ich nun endlich meinen langersehnten Urlaub bekommen und bin für zehn Tage unterwegs gewesen, um weiter im Süden Indiens das neue Jahr zu begrüßen – also um über Bombay nach Goa zu fahren. Nach einer kleinen Weihnachtsfeier in unserer WG in Chandigarh haben wir uns zu dritt am 25. Dezember von der abgelegenen Bahnstation Chandigarhs aus in den Direktzug nach Bombay gesetzt. Die Fahrt ging etwa 30 Stunden, war aber auch ein Erlebnis für sich. Dadurch, dass wir nicht die allerbilligste Klasse gebucht hatten – sondern eine drüber - war alles etwas gehobener. Man hatte einen Sitzplatz, zum Schlafen wurden die Betten heruntergeklappt. Also keine überfüllten Massenabteile, die man sich vielleicht so vorstellt. Ständig war Trubel im Zug, es kommt eigentlich immer jemand durch, der einem was verkaufen will: sei es Tee, Kaffee, Suppe, Brot, Süßigkeiten oder auch Zeitungen. Man hört sie alle schon von weitem rufen: „Chai (=Tee), chai, coffee, hot coffee!“. Nachts habe ich im Zug gut geschlafen. Es ist wesentlich gemütlicher als im Bus zu fahren, allerdings ist die Buchung von Zugtickets zeitraubend (man steht ewig am Schalter an) und man muss lange vorher buchen – Busfahren geht flexibler und spontaner von statten.

Wir erreichen Bombay am Abend des nächsten Tages. Der Zug kommt weit außerhalb des Zentrums an. Nachdem das Taxi zu teuer erscheint, entschließen wir uns, mit der S-Bahn zu fahren und suchen das lokale Terminal. Sofort fällt mir der Großstadtcharakter Bombays auf. Hier laufen auch viel mehr Moslems als in Delhi oder Chandigarh herum. Das Klima ist leicht feucht, aber sehr angenehm warm. Bombay liegt am Meer und wird von der Winterkälte Nordindiens nicht heimgesucht.

Gateway of India

Im Zentrum Bombays angekommen, erwartet uns eine Art Kulturschock: nach etlichen Monaten, in denen wir nur von indischer Kultur und von nahezu keinen Ausländern umgeben waren, präsentiert sich Bombay ganz anders. Überall ausländische Touristen oder Geschäftsleute – Europäer, Amerikaner, Japaner. Bauten im Kolonialstil, ein paar Grünanlagen, rote Doppeldeckerbusse und die Autos halten tatsächlich bei roter Ampel. Natürlich – Bombay ist immer noch Indien, dreckig, laut und Bettler sitzen herum, Kinder schlafen auf offener Straße. Aber wenn man einmal andere Teile Indiens erlebt hat, weiß man die Fortschritte zu schätzen, die Bombay in den letzten Jahren in punkto Verschmutzung und Sauberkeit gemacht hat. Gerade auch der Chowpatty Beach (Bild ganz oben) nahe Bombays Zentrum galt lange als verdreckte Kloake – mittlerweile wird dort regelmäßig aufgeräumt und man kann entspannt schlendern. Baden ist in Bombay natürlich trotzdem nicht zu empfehlen.

Im Jahr 1996 wurde Bombay von einer hindunationalistischen Lokalregierung umbenannt in „Mumbai“, angelehnt an den Namen der örtlichen Göttin Mumba Devi (deren Tempel wir auch besucht haben), um sich von der kolonialen Vergangenheit zu lösen. „Bombay“ war einst ein kleiner Hafen für die Portugiesen, die hier zu erst ihr Kolonialwesen betrieben und hieß noch „Bom Bahia“ (gute Bucht), was später von den Engländern zu „Bombay“ transformiert wurde. Die Einheimischen verwenden dennoch mehrheitlich Bombay statt Mumbai als Bezeichnung, ähnliches gilt für die Bahnstationen – z.B. wurde der Victoria Terminus in Chhatrapati Shivaji Terminus (oder so ähnlich ;-)) umbenannt.

Kal ho naa hoIn Bombay sind nicht nur alle wichtigen indischen Vertretungen internationaler Konzerne angesiedelt, sondern es gibt auch eine gigantische Filmindustrie. Jährlich werden Unmengen an Hindi-Filmen produziert. Jene Filme sind meistens ewig lang und drehen sich oft um eine Liebesgeschichte. Zumindest beinhaltet jeder Film eine Lovestory, ein Familiendrama und viele Videoclips zwischendurch. So alle zwanzig bis dreißig Minuten wird die Handlung durch eine Musikeinlage unterbrochen und die Soundtracks zu den Filmen erfreuen sich großer Beliebtheit. Die Handlung ist meistens so durchsichtig, so dass man den Film auch ohne tiefgreifende Hindi-Kenntnisse halbwegs verfolgen kann. Der Film, der hier zuletzt alle Rekorde gebrochen hat, ist „Kal ho naa ho“ (in etwa: „Man weiß nie, was morgen passieren wird“, siehe Bild). Er wird auch auf der Berlinale gezeigt: Kurzbeschreibung hier (PDF). Es dreht sich im Film um eine verworrene, emotionale Geschichte zwischen einer Frau und zwei Männern – also kein wirklich neues Thema. Der Film spielt in New York und braucht technisch-handwerklich den Vergleich mit der Hollywood-Konkurrenz zu scheuen. Der Soundtrack und der Film waren hier lange unangefochten die Nummer Eins, aber nicht nur in Indien, auch in Ländern wie Südafrika hat der Film Rekorde eingespielt. Selbst wurden wir in Bombay auch gefragt, ob wir nicht in einem Film als Statisten mitspielen wollen – Ausländer sind rar in Indien, aber wichtig für ihre Filme. Haben aber abgelehnt und uns lieber die Stadt angesehen, denn wir hatten nur wenig Aufenthaltszeit in Bombay.

Taj Hotel

Im Zentrum Bombays nahe dem Hafen steht das Wahrzeichen der Stadt: das „Gateway of India“ (Tor nach Indien, zweites Bild von oben). Es wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zu Ehren der Ankunft des englischen Königs George errichtet. Von hier aus fahren Boote in einer Stunde zur Elephanta-Insel, wo man altertümliche Höhlen zu überteuerten Eintrittspreisen betrachten kann. Wir haben nur die Bootsfahrt gemacht, sind auf der Insel herumgeschlendert und ohne Höhlenbesuch wieder zurück. Unweit dem Gateway of India befindet sich auch das Taj Hotel (Bild), eines der teuersten und nobelsten Hotels Indiens – wenn nicht gar das teuerste Hotel. Der Gründer des Hotels war der Großindustrielle Tata, dessen Konzern noch heute einer der größten in Indien ist. Eine Nacht im Taj Hotel kostet 330 US-Dollar, also zwei Monatsgehälter eines IT-Spezialisten in Indien.

TrainEin besonderes Erlebnis in Bombay sind die Fahrten in den lokalen Zügen (siehe Bild rechts). Die ersten Fahrten, die wir unternommen hatten, waren okay, da es nicht so überfüllt war. Aus Sicherheitsgründen gibt es extra Frauenabteile. In einem von diesen war ich aus Versehen gelandet, habe mich dann gewundert, warum nur Frauen dort sind, die mich mit ihren Blicken schon fast getötet haben. Später haben wir dann ein anderes Abteil genommen. Richtig abenteuerlich wurde es dann später, als wir einen vollkommen überfüllten Zug gefunden haben, indem man sich wie eine zerquetschte Sardine fühlt und nur noch die Hände zum Festhalten hochhalten kann. Wie wild kommen an den Bahnstationen die Leute in die Züge gesprungen. Der Zug hält nur für zehn Sekunden und die ganze Masse schiebt und drängelt sich, ohne dass man selbst eine Richtung bestimmen könnte. Im Sommer zur Monsunzeit mit all den schwitzenden Menschen und zur Rush-Hour muss die Fahrt ein wirklich besonderes Erlebnis sein ... mir hat es jedenfalls schon so gereicht.

Bombay ist die größte Stadt Indiens und auch eine der größten Metropolen Asiens. Sie zählt etwa 16 Millionen Einwohner. Der Reichtum der Stadt und ihre Magnetwirkung auf Banken und Industrien machen sich jedoch nicht für alle bezahlt. Der größte Slum Asiens mit einer halben Million Menschen befindet sich in Bombay nahe des internationalen Flughafens. Auch sonst ist Armut hier nicht spärlich gesäht – die Hälfte von Bombays Einwohnern lebt in Slums. Fährt man mit der S-Bahn, rauscht man direkt an den Blechhütten vorbei und kann den Leuten schon fast beim Abendessen zusehen, sofern wirklich was zu essen da ist. Die Slums sind zwar dreckig, eng, schlammig, stinkend und unhygienisch – aber man hat selbst dort oft Strom und manchmal sogar Fernsehgeräte. Strom wird halt illegal irgendwo angezapft und die Regierung duldet das. Unmengen an Kindern (Bild unten) leben auch in den Slums und Fremde sind natürlich eine Attraktion für jene - da wird auch nicht zimperlich gebettelt. Um Rupees oder sogar um Dollars.

Children

Unser Bombay-Aufenthalt war zu kurz (wie alle Aufenthalte), aber erlebnisreich – mir hat die Stadt echt gut gefallen. Aber es ging dann weiter zum Silvesterfeiern ins sonnige Goa.

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